Tagung: Verschuldet in der Sozialhilfe

Das Forschungsteam der FHNW präsentierte am 7. Oltner Verschuldungstag die Ergebnisse der Nationalfonds-Studie «In der Sozialhilfe verfangen». 60.3% der befragten Sozialhilfebezüger:innen haben Schulden. An der Tagung ging es aber auch um Klischees, welche die Armutsbekämpfung im Bereich der Schulden erschweren.

Im Rahmen der SNF-Studie wurden über 1000 Sozialhilfebezüger:innen befragt und 26 qualitative Interviews mit Mitarbeitenden von zwölf Sozialdiensten durchgeführt. Aufgrund ihrer Forschung formulierten Uriezza Caviezel und Valentin Schnorr als Thesen, dass der Bezug von Sozialhilfeleistungen für die Betroffenen nicht zwingend zu einer Stabilisierung ihrer Finanzen führe. Diese seien zur nachhaltigen Bewältigung von Armut und Verschuldung auf Budget- und Schuldenberatung im Rahmen der Sozialhilfe angewiesen. Und: Wer eine nachhaltige Ablösung von Betroffenen aus der öffentlichen Sozialhilfe anstrebe, müsse das Thema Schulden angehen.

Mehr zur Studie hier.

Verschuldung im Nebel von Tabu und Klischee

In seinem Einstiegsreferat zeigte Hugo Fasel an einem beispielhaften Zitat, mit welchen Klischees verschuldete Personen zu kämpfen haben:

«Wer am Wochenende seinen geleasten «Sportcharre» durch die Quartiere und Strassen jagt und röhren lässt, ist selber Schuld, wenn er Schulden hat und überschuldet ist.»

Auch sei für die Betroffenen selbst Verschuldung oft ein Tabu, über das man nicht gerne spreche. Deshalb sei der Schlüssel für die Verbesserung der Situation die Kommunikation.

Aktive und passive Verschuldung

Einen wichtigen Beitrag dazu lieferte Paola Stanic von der ARTIAS: Sie unterscheidet zwischen aktiver und passiver Verschuldung. Dabei zeigte sie auch mit der Statistik von Schuldenberatung Schweiz, dass ein grosser Teil der Betroffenen nicht durch ein Leben über den Verhältnissen, sondern durch mehr oder weniger unvorhersehbare Änderung ihrer Lebenssituation in die Verschuldung geraten.

Der Frage, wie für Armutsbetroffene ein Ausweg aus der Schuldenfalle gefunden werden kann, widmete sich zum Abschluss ein Podium. Die zur Zeit vorbereitete Revision des Bundesgesetzes über Schuldbetreibung und Konkurs (SchKG) bietet dazu eine Möglichkeit, die es zu ergreifen gilt.

Tagungs-Webseite

Fachtagung Restschuldbefreiung SAVE THE DATE

Am 10. Mai 2022 findet eine Tagung zum Thema «Restschuldbefreiung in der Schweiz» statt. Organisiert wird sie von

  • SBS, dem Dachverband Schuldenberatung Schweiz
  • Plusminus, Budget- und Schuldenberatung Basel
  • der Berner Schuldenberatung
  • der Schuldenberatung Kanton Zürich
  • Centre Social Protestant Genève
  • Caritas Schuldenberatung Schweiz

Ort und Zeit: 10-16.30 Uhr in Bern (Progr, Waisenhausplatz 30) mit anschliessendem Apéro

In der Schweiz haben hochverschuldete Privatpersonen mit geringem Einkommen keine Möglichkeit, je wieder schuldenfrei zu leben. Dies im Unterschied zum angrenzenden Ausland, wo auch diese Menschen in sogenannten Restschuldbefreiungsverfahren wieder schuldenfrei werden können.

Eine Restschuldbefreiung wird nun auch in der Schweiz diskutiert und soll im Frühling in die Vernehmlassung gehen. Je nach Ausgestaltung hat das neue Verfahren massgebliche Änderungen für Schuldnerinnen und Schuldner und damit verbunden für die Arbeit von Schuldenberatungsstellen zur Folge.

Ziel der Tagung ist, über den Stand der Gesetzesvorlage zu informieren sowie Positionen und Haltungen von Fachleuten, Politik und Wissenschaft aufzuzeigen. Zielpublikum sind Sozial Tätige, Schuldenberater:innen und weitere Interessierte.

Weitere Informationen folgen.

Neuerscheinung: Verschuldung und Überschuldung in der Schweiz

Kürzlich ist ein unter der Leitung von Caroline Henchoz (Universität Fribourg) erarbeitete Sammelband erschienen. Zum ersten Mal geben Forscher:innen und Sozialarbeiter:innen einen Überblick über problematische Schulden und Überschuldung in der Schweiz. Verschiedene Mitarbeitende aus SBS-Mitgliederorganisationen haben Artikel beigetragen. Ebenso der verstorbene SBS-Geschäftsleiter Sébastian Mercier, dem das Buch gewidmet ist.  Der Band beleuchtet die rechtlichen, administrativen, wirtschaftlichen und sozialen Mechanismen, die diese Schuldenprozesse fördern.

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Schulden-Serie des Strassenmagazins Surprise

In der Schweiz gibt es immer mehr Arme, auch weil es immer mehr Schulden gibt. Die Surprise-Redaktion wollte wissen, was das mit den Leuten macht, wer davon profitiert und was sich ändern lässt, und widmete  dem Thema eine vierteilige Serie. 

Mit der Serie beleuchte Surprise das Phänomen Schulden und seine Tragweite für Betroffene und die Gesellschaft. Dass Surprise einen derart ausgiebigen Fokus gerade zu diesem Thema in Angriff nehme, schreibt Redaktor Andreas Eberhard, sei kein Zufall: Armut und Schulden hängen eng zusammen. Wer Schulden verhindert, bekämpft auch die Armut. Schuldenprävention ist ein mächtiger Hebel, um die Schwächsten unserer Gesellschaft besser zu stellen – und ein vernachlässigter dazu.
 

Krisen treiben Haushalte in die Schulden

Von wegen selberschuld: Schulden entstehen meistens durch besondere Lebens- situationen wie Arbeitslosigkeit, Krankheit, Scheidung usw. Die Statistik der Mitgliederorganisationen von Schuldenberatung Schweiz zeigt: Sehr oft sind Verschuldung und Überschuldung mit strukturellen Faktoren verbunden. Die gemeinnützigen Fachstellen für Schuldenberatungen helfen Betroffenen. Aber es braucht auch Massnahmen auf politischer Ebene.

Die Mitgliederorganisationen von Schuldenberatung Schweiz erfassen alljährlich statistische Daten zu den verschuldeten Haushalten, die eine Erstberatung in Anspruch nehmen. Für das Jahr 2020 umfasst dieser Datensatz 4764 Dossiers und bietet damit eine wichtige Grundlage, um die Verschuldung und Überschuldung von Privatpersonen zu verstehen.

Kritische Ereignisse bringen Haushalte mit engem Budget aus dem Lot

Über 80 Prozent der Haushalte, die 2020 zum ersten Mal eine Schuldenberatung in Anspruch nahmen, verfügen über ein Haushaltseinkommen, das unter dem Medianlohn von 6’500 CHF liegt. 40 Prozent der Dossiers sind 2020 von Alleinstehenden, je etwa ein Fünftel von Paaren mit Kindern und Alleinerziehenden. Grund für die Verschuldung sind meistens kritische Lebensereignisse: Arbeitslosigkeit (24%), Trennung/Scheidung (24%) und gesundheitliche Probleme (23%) belegen 2020 die Spitzenpositionen (Mehrfachnennungen möglich).

Grösste Gläubiger sind Kantone und Krankenkassen

Steuerschulden (73%) und Krankenkassenschulden (61%) sind am verbreitesten und machen auch 41 Prozent des gesamten Schuldenvolumens aus. In etwas mehr als einem Viertel der Fälle existieren Schulden aufgrund selbst zu bezahlenden Gesundheitskosten. Die Daten zeigen zudem, dass viele überschuldete Haushalte sehr lange zuwarten, bis sie eine Schuldenberatung in Anspruch nehmen. Dadurch wachsen die Forderungen durch zusätzliche Kosten, Gebühren und Zinsen. Die Schuldner:innen geraten in eine eigentliche Verschuldungsspirale. Es lohnt sich für Verschuldete, die Unterstützung durch eine Fachstelle möglichst früh in Anspruch zu nehmen und damit aus der Schuldenspirale auszusteigen versuchen.

Teufelskreis durchbrechen: individuell und strukturell

Eine Sanierung ermöglicht überschuldeten Haushalten die ökonomische Wiedereingliederung – mit positiven Effekten auch für die Kantone und Kommunen, sowohl in ihrer Funktion als Gläubiger wie auch bezüglich der Sozialkosten. Eine gute Ressourcenausstattung der Schuldenberatungsstellen lohnt sich für das Gemeinwesen. Aber auch auf struktureller Ebene gibt es einigen Handlungsbedarf: In der Schweiz gibt es keinen Direkt-Abzug von Steuern und Krankenkassenprämien, kein Verfahren für Restschuldenbefreiung, eine schwache Überwachung bei Konsumkrediten und kaum Regulierung von Inkassofirmen.

Neuer Geschäftsführer des Dachverbandes

Seit Januar 2021 arbeitet Pascal Pfister als Geschäftsleiter des Dachverbandes Schuldenberatung Schweiz. Nach dem unerwarteten und zu frühen Tod von Sébastien Mercier im Sommer 2020 hatte der Vorstand die wichtigsten Aufgaben verdankenswerterweise wahrgenommen. Nun ist der Dachverband wieder voll funktionsfähig. Das Büro befindet sich neu in Basel. 

«Als Sozialpolitiker und Kommunikationsspezialist freue ich mich sehr, die Interessen der Schuldenberatung in der Schweiz vertreten zu können», sagt der neue Geschäftsleiter. Das Thema Schulden ist ihm als langjähriger Gewerkschafter bei der Mitgliederbetreuung immer wieder auf praktischer Ebene begegnet. Die letzten Jahre war Pfister für Selbsthilfe Schweiz in der Kommunikation tätig. Auch dies ein nationaler Dachverband.

Schuldenberatung Schweiz soll ein professionell organisierter Dachverband sein, der seinen Mitgliedern gute Dienstleistungen bietet. Die Anliegen der Schuldenberatung sollen bei Behörden und in der Politik Gehör finden und in Medien und Öffentlichkeit sichtbar sein. Pfister sagt: «Ich freue mich auf eine gute Zusammenarbeit mit unseren Mitgliedern, Partnerorganisationen und Anspruchsgruppen.»